“Lord Goring tritt auf, ein vollendeter Dandy.”
Ich war achtzehn Jahre alt, als ich diesen unscheinbaren Satz in Oscar Wildes “Ein Idealer Gatte” las. Ich kannte das Wort „Dandy“. Es hatte irgendetwas mit Kleidern und Stil zu tun; es beschwor Männer in Gehröcken mit hohen, steifen Hemdkrägen vor meinem inneren Auge. Um sicher zu gehen entschied ich mich, etwas mehr über den Dandyismus zu lernen – und in den Jahren, die seitdem vergangen sind, habe ich nicht aufgehört.
Dandyismus ist mehr als nur eine Art, sich zu kleiden: Es ist ein Lebensstil, und wie manch einer sogar sagen würde, eine Kunstform. Dandys zelebrieren sich selbst und ihren Stil. Sie sind immer elegant, aber nicht schrill und übertrieben, sondern dezent und unbeschwert. Sie treten nach außen hin kühl und berechnend auf, sind aber scharfe Beobachter der Welt um sie herum und kommentieren sie mit Witz und Präzision. Oft kann man sich nicht sicher sein, ob das, was sie sagen ernst gemeint ist oder nur Ironie. Wilde schreibt über Goring: “Er genießt es, missverstanden zu werden. Es verschafft ihm einen permanenten Vorsprung.”
Dandys leben für ihren Stil, das Schöne und den Genuss am Leben. Natürlich verträgt sich das nicht mit solchen Dingen wie Arbeit oder einem “respektablen” Lebenswandel. Ein Dandy ist entweder unabhängig wohlhabend, lebt auf Pump oder ist Künstler. Nicht jeder Dandy lebt von seiner Kunst, aber jeder arbeitet permanent an seinem größtem Kunstwerk: sich selbst. Eine schillernde, faszinierende Figur, die vermutlich nichts mit dem Menschen dahinter zu tun hat – oder doch? Man kann sich nie sicher sein, wenn es um Dandys geht. Aber wen interessiert denn, was sie wirklich sind; was sie zu sein vorgeben, ist doch viel spannender.
Personen, die auf diese Art lebten, gibt es schon seit Jahrhunderten. Derjenige, der zum ersten Mal so genannt wurde, war George Bryan “Beau” Brummel. Brummel lebte gegen Ende des 18. Jahrhunderts und war ein enger Freund des englischen Kronprinzen. Er gilt als der “Ur-Dandy”, der den Dandyismus als Erster definiert und perfekt ausgelebt hat. Seitdem hat sich jedoch viel getan, und es gab zahlreiche Nachfolger Brummels, wie zum Beispiel Baudelaire, Byron und natürlich Oscar Wilde. In meinen Artikeln möchte ich den Dandyismus vorstellen, eine Idee davon vermitteln, woher er kommt, zeigen, wie man ihn zweihundert Jahre nach Brummel noch leben kann, und wem das heutzutage besonders gut gelingt.
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Jonas Hock (22) ist leidenschaftlicher Dandy und fest verwachsen mit der britischen Kultur. Er studiert englische Literatur in Heidelberg und betreibt in seiner Freizeit einen – surprise, surprise! – englischsprachigen Blog über alles, was mit Dandys zu tun hat.

